Wandel in der Wissenschaft

Ältere wissenschaftliche Literatur kann manchmal sehr langatmig sein, aber auch wunderschön. Bei einer Veröffentlichung von Walter Libbert aus dem Jahr 1969 (“Über das Verhalten der Kraniche auf Rast- und Sammelplätzen”) stolperte ich zunächst über das ungewohnte Wort “Schrifttum”, da wo heutzutage meist schnöde “Literatur” oder “Quellenverzeichnis”, im Englischen meist nur “references”, steht.

Innerhalb des Aufsatzes zitierte Libbert immer wieder ganze (fast schon poetische) Abschnitte aus seinem Kranich-Beobachtungstagebuch. Eine Sache, die in den 60ern gar nicht so ungewöhnlich war, heute aber überhaupt nicht gemacht wird, denn das wäre ja “unwissenschaftlich”. Dennoch scheint es auch damals schon Gegner dieser Praxis gegeben zu haben, denn als letzten Satz schreibt er: “Der Leser aber, der in diesen Zeilen zu viele Zitate aus meinen Tagebüchern beanstandet, möge bitte bedenken, daß es nicht allen Ornithologen vergönnt ist, manchmal ‘unter Kranichen’ zu leben. Daran hat der Verfasser bei der entsprechenden Auswahl gedacht.”

Überhaupt liest man bei Libbert immer wieder seine Begeisterung für die Kraniche und Kranichbeobachtung heraus. So schreibt er, dass systematische Kranichbeobachtung keine leichte Sache ist und die Deutung der Verhaltensweisen noch viel schwerer, “immer aber entschädigen den Beobachter für die aufgewandte Zeit und Mühe faszinierende Bilder fliegender und äsender Kranichscharen, ständig wechselnd in ihrem Anblick durch Beleuchtung, Wind und Wolken.” So ein Satz hätte in einer modernen wissenschaftlichen Veröffentlichung, in der jedes emotionale Wort sofort gestrichen wird, nichts zu suchen. Schade eigentlich.

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