Kraniche beobachten ohne zu stören in Linum

Es ist wohl mal an der Zeit, etwas über störungsfreie Kranichbeobachtung zu schreiben.WP_20151008_005

Angeblich ist “Kraniche beobachten ohne zu stören” allgegenwärtig und das Wichtigste für jeden Kranichbesucher. In der Theorie ist das bestimmt sicherlich, die Praxis erlebe ich allerdings jeden Tag auf dem Feld. Mittlerweile haben wir an allen Feldwegen und vielen Feldzufahrten Betretenverbotenschilder angebracht und an einigen Stellen auch Flatterband gespannt. Dennoch trifft man regelmäßig Besucher (weit) jenseits der Absperrungen an. Die Begründungen sind vielseitig: von Schild nicht gesehen über “ich wollte doch nur kurz ein Foto machen” (natürlich mit der kleinen Kompaktkamera).

Nun sind natürlich nicht nur die Besucher Schuld an der Misere. Verbote, die man nicht versteht, hält man nicht gerne ein. Außerdem gibt es viele weitere Dinge, die zu beachten sind, abgesehen vom Nichtbetreten der Felder und darüber sind die Infos tatsächlich sehr rar gesät. Zwar gibt es an ein paar Stellen Hinweisschilder, aber sie sind eben doch zu klein oder zu selten.

Also hier die wichtigsten Dinge für einen Kranich-Linum-Besuch, sodass man selbst ein schönes Kranicherlebnis hat und man gleichzeitig weder Kraniche, noch Landwirte oder Einwohner stört.

  • Warum ist ein störungsfreies Beobachten eigentlich so wichtig? Die offizielle (und auch vollkommen richtige) Aussage: jedes Mal, wenn die Kraniche durch Störungen auffliegen, verbrauchen sie Energie. Diese brauchen sie aber unbedingt für ihren Flug in den Süden. Also jede Störung bedeutet Energieverlust. Zum einen eben, weil Fliegen Energie verbraucht. Aber auch, wenn sie nicht auffliegen können Störungen erheblich sein. Und da sind wir schon beim nächsten Punkt:
  • Kraniche, die die Hälse recken, fühlen sich gestört und “checken ab”, ob sie gleich losfliegen. Also: Hälserecken ist ein absolutes Zeichen für kurz vor zu spät und die Störung ist zu groß. Außerdem können sie während sie hochschauen (also Wachen) keine Nahrung zu sich nehmen. Ist ein Kranich zu viel mit Wachen beschäftigt, hat er kaum noch Zeit zu fressen. Normalerweise wechseln sich Kraniche beim Wache halten deswegen ab, wenn allerdings Störungen da sind, schauen alle erschrocken auf.
  • Nochmal zurück zur Frage warum man störungsfrei beobachten sollte: Wenn morgens die Kraniche gut sichtbar auf dem Acker stehen und sich dann nur ein Tourist daneben benimmt, kann es sein, dass die Kraniche alle auffliegen und weg sind und den ganzen Tag nicht wieder dorthin zurückkommen, sondern sich in für den Menschen nicht erreichbare Bereiche zurückziehen (so hatte ich das erst letzten Samstag beobachtet). Da hat keiner was von. Selbst wenn man der Meinung ist, einmal auffliegen vertragen die Kraniche (was nicht stimmt, wenn sie das immer und immer wieder tun müssen, weil viele Menschen der Meinung sind), so bedenke man doch die anderen Besucher, die auch nichts anderes wollen, als die “Vögel des Glücks” mal zu sehen!
  • Feldwege und Felder weder Befahren noch Begehen: Kraniche sind sehr scheue Tiere, die sich sehr schnell gestört fühlen. Kommt man ihnen zu nahe fliegen sie weg. Aber, keine Regel ohne ein Aber: Landwirte dürfen Ihre Äcker natürlich bewirtschaften! Ohne die Ernten usw. hätten die Kraniche auf den Feldern nix zu fressen. Also nicht auf jeden Landwirt schimpfen, der seinen eigenen Acker befährt, auch wenn dann mal ein paar Kraniche auffliegen (dieses sind Störungen mit Grund. Foto machen ist keine Störung mit Grund!).
  • Feldeinfahrten sind keine Parkplätze, sondern für Landwirte einfache Möglichkeiten auf ihren Acker zu kommen. Wenn also ein Traktor oder anderes landwirtschaftliches Fahrzeug kommt, unbedingt Platz machen. Und ja, die Landwirte fahren auch PKWs…
  • Die Fluchtdistanz!?: Immer wieder gern hinzugezogen beim Thema störungsfreies Beobachten. 300-500 m heißt es. Nun ist das so eine Sache: Wenn man still am Straßenrand im Auto sitzt, nähern sich die Kraniche auch mal viel näher heran. Dann können auch Entfernungen unter 100 m drin sein. Aber: Nur mit Geduld und Glück! Läuft man auf Kraniche zu, sind sie sehr schnell beunruhigt. Oft auch schon bei weiteren Entfernungen als den 500 m. Ich sage immer lieber: Die Kraniche sehen das Feld als ihr Territorium an, die Straße dagegen ist Menschenterritorium. Bleibt der Mensch auf/an der Straße ist alles in Ordnung, wagt er sich aber über “die Grenze” wird der Kranich unruhig und fühlt sich gestört. Völlig egal, ob der Kranich nun 100, 300 oder 600 m entfernt ist. Kommt der Kranich näher ran, dann ist das seine eigene Entscheidung. Dann fühlt er sich so sicher, dass er sich langsam nähert. Dann hat der Mensch Glück. Aber wichtig: Der Kranich entscheidet, wie nah er an den Menschen kommt, nicht andersherum!
  • Tarnzelt-Effekt: Natürlich hat nicht jeder ein Tarnzelt dabei, oder doch? Die Fahrradfahrer nicht, okay, die Autofahrer aber schon: Ihr Automobil. Die Kraniche sind an Autos gewöhnt und fühlen sich in ihrer Anwesenheit relativ sicher (Kraniche stehen ja auch oft direkt neben der Autobahn), zumindest so lange die Menschen nicht aussteigen. Schon das (bei manchen Besuchern) sehr ruckartige Bremsen kann eine Störung sein, aber definitv eine Störung ist das Türenöffnen und Aussteigen. Einfach im Auto sitzen bleiben und Scheibe runterkurbeln (ja, ich besitze ein altes Auto, da kurbelt man noch. Wie heißt das heutzutage?). Dann macht man erstmal nichts falsch.
  • Autofahren: Großstädter und Landeier haben völlig unterschiedliche Autofahrstile. Es wird gegenseitig viel geschimpft, wenn die eine Fraktion im Gebiet der anderen Fraktion ist. Was sie aber gemeinsam haben: sie fahren eigentlich ganz gerne recht schnell, zumindest gemäß der Geschwindigkeitsbegrenzung. Auf der Kuhhorster Straße, die bei Linum zum Kraniche beobachten genutzt wird, ist größtenteils Tempo 80 angesagt. Die Besucher hingegen schleichen gerne mit 20-50 km/h. Das bringt natürlich all jene zur Weißglut, die einfach nur schnell von A nach B wollen. Liebe Besucher, da bringt es auch nix, mit den Armen zu wedeln und zu sagen, dass die Straße Touristengebiet ist. Ein Mensch hat auf so einer Straße stehend nichts verloren, Autos, die sich nicht entscheiden können, ob sie anhalten oder doch noch weiterrollen ebenso wenig. Und eine Vollbremsung ist weder für die Kraniche, noch für die dahinterfahrenden Autos gut. Und aus gegebenem Anlass: Man kann auch mal auf den Straßenverlauf schauen! Nicht in einer Kurve parken und auch nicht direkt davor. Wie soll der Verkehr dahinter denn dann an einem vorbeikommen? Ich hatte schon so einige fast-Unfälle. Das ist echt nicht nötig. Deswegen:
  • beim Anhalten am Straßenrand: Frühzeitig blinken. Erst dann bremsen. Auf den Rand fahren, nicht mitten auf der Straße stehenbleiben. Und nicht in oder vor Kurven!
  • griffbereite Ausrüstung: Immer wieder ist zu beobachten, wie Besucher eine schöne Stelle gefunden haben, an der Kraniche recht nah stehen und an der sie auch ohne Verkehrsbehinderung zu sein angehalten haben. Das ist schon mal gut. Doch dann: Wie komm ich an meine Ausrüstung? Die liegt ja im Kofferraum! Also gehen doch wieder alle Türen auf, die Kofferraumklappe wird dann mit aller Kraft zugeschlagen und so weiter. Abhilfe ist ganz einfach: Vor dem Losfahren in Richtung Kranichbeobachtungsstätten einfach Fernglas, Fotoapparat, etc. griffbereit in der Fahrerkabine haben.
  • “aber gestern hab ich gesehen…”: Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe: Ja, gestern war einer auf dem Acker, stimmt (den hab ich ja dann auch runtergeholt), ja, es parkte schonmal ein Tourist auf dem Stoppelfeld (der hat ganz schön Anschiss von mir gekriegt), ja, es sind schon Leute über abgeschlossene, mit Absperrband markierte Tore geklettert und haben sich dumm gestellt. Ist das ein Grund, die gleichen Fehler auch zu machen? Nein! Jeder ist für sich selbst verantwortlich und nur weil andere schon mal das gleiche gemacht haben ist es noch lange nicht erlaubt. Ich klau doch auch nicht, nur weil ich jemanden habe klauen gesehen.
  • Parken im Dorf: Ausgewiesene Parkplätze benutzen! Weder Garagen- und Hofeinfahrten von Anwohnern sind Parkplätze, genauso wenig wie die Wiesenstücke zwischen den Parkbuchten oder die Wiese zwischen Gehweg und Straße (die Linumer haben es nämlich auch nach der Kranichsaison gerne noch etwas grün im Dorf). Stattdessen gibt es ausgeschilderte Parkplätze, die wirklich genug Raum bieten. Der größte ist direkt hinter der Kirche. Ja richtig, dann parkt man nicht direkt an der Dorfstraße, aber 50 m weiter oben und dafür sehr zentral im Dorf (so auf die Länge des Dorfes gesehen)
  • Fahren im Dorf: Die Nauener Straße (also die Durchgangsstraße) hat Kopfsteinpflaster, dennoch ist Tempolimit 50 und nicht 10-30 km/h! Vielleicht ist es kaum zu glauben, aber viele Einwohner haben bei meiner Befragung geschrieben, dass die Touristen im Ort schneller (!) fahren sollen. Die Straße ins Teichgebiet ist auf 30 km/h ausgelegt, da kommt kaum ein Besucher über Schritttempo hinaus…
  • Und zu guter letzt: Linum ist die meiste Zeit des Jahres ein kleines verschlafenes Dorf. Da kann es nicht zur Kranichzeit plötzlich an jeder Ecke ein Soja-Latte-Macchiato oder ähnliches geben. Linum hat viel zu bieten, aber natürlich nicht die Cafés à la Prenzlauer Berg. Einfach mal schauen, was es vor Ort so gibt und es nutzen. Außerdem: Einige Einwohner fahren wirklich gern mit dem Fahrrad. Und auf der Kopfsteinpflasterstraße mit lauter eigenartig fahrenden Autos würde ich auch nicht mit dem Fahrrad auf der Straße fahren. Also nicht meckern, wenn einem mal ein Fahrrad auf dem Gehweg entgegenkommt. Linum hatte früher mal einen Fahrradweg, der musste aber den Parkplätzen am Straßenrand weichen. Also seid ein bisschen nachsichtig mit den paar Fahrradfahrern, die Linum hat.

Da ist ja doch mehr an Hinweisen/Regeln zustandegekommen als ich dachte. Aber es ist echt wichtig, sich daran zu halten bzw. sich auch einfach mal zu überlegen, was das eigene Verhalten für andere Menschen und Tiere für Auswirkungen hat.

Trotz aller – oder vielleicht eher mit allen Hinweisen und Regeln – wünsche ich allen Besuchern einen schönen Aufenthalt in und um Linum und tolle Kranicherlebnisse!

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